Nochn Monolog

Wutgegenrede

Antwort auf das Schreiben von Geo-Chefredakteur Peter-Matthias Gaede:

Ich, freier Journalist für Zeitungen, Zeitschriften und Onlinemedien in Deutschland, stehe für den Respekt vor dem Urheberrecht ein. Ich erachte die Wahrung des Urheberrechts als entscheidende Grundlage einer Medienkultur, die auf fachlicher Kompetenz, schöpferischer Leistung, kreativer Vielfalt und professionellem Handwerk aufgebaut ist. Ich verwahre mich dagegen, meine Arbeit mit der Begründung zu entwerten, die angebliche Dauerkrise der Medienverlage müsse den uneingeschränkten Zugriff darauf zu einer Selbstverständlichkeit machen. Ich verwahre mich insbesondere dagegen, die mehrfache Verwertung und Weiterlizensierung meiner Arbeit zu einem Recht der Verlage zu erklären und damit das Ziel der fairen Vergütung der Urheber ad absurdum zu führen.

Journalisten leben - wie auch Musiker und Fernsehautoren, Schriftsteller und Künstler - davon, dass für ihre Arbeit bezahlt wird. Für immaterielle Güter wie Texte und Fotos, für die Produktion von Information und die Vermittlung von Wissen kann dabei grundsätzlich nichts anderes gelten als für materielle Güter: Werden sie nicht angemessen honoriert, kann sich das auf die Qualität auswirken.

Die Urheberrechtsdebatte in die Zone zwischen Urhebern/Verlegern einerseits und Freibeutern/Lesern andererseits zu delegieren, während gleichzeitig das Recht auf umfassende Nutzung der schlecht bezahlten Leistungen von freien Journalisten proklamiert wird, weise ich als den Versuch zurück, sich aus der Verantwortung für ein Gemeinwesen zu stehlen, dem die Verlage und Redaktionen nicht weniger verpflichtet sind als die, sagen wir mal, Basis der Piratenpartei.

Ich akzeptiere es deshalb nicht, dass die selbsternannten Gegner einer Reform des Urheberrechts meine Arbeit vereinnahmen, indem sie ein “Leistungsschutzrecht” dafür beanspruchen, während sie ihren ideologisch verklärten Eigennutz als Gemeinnutz adeln. Und ich warne vor der Verbreitung jener Qualitätsjournalismuslüge, die Unbeteiligten die Illusion vermittelt, qualifizierte journalistische Leistung, die nicht ohne Aufwand an geistiger Arbeit, ohne Aufwand an Zeit und Geld für Wissenserwerb, Recherche, Textkultur entsteht, werde auch nur annähernd angemessen entlohnt, und sie könne ohne digitale Infrastruktur in Zukunft noch zu den Lesern finden.

Wer den Tausch von Daten zwischen Freunden, wie geschehen, zur “Raubkopie” erklärt, obwohl es sich um nichts anderes handelt als das gemeinsame Nutzen eines Kulturprodukts, wie es über Jahrzehnte selbstverständlich war; wer die “Prekarisierung von Wissens- und Kulturarbeit” beklagt, aber sie selbst mit erschreckend niedrigen Honoraren fördert; wer pauschal “Freibeuter” bekämpft und darüber vergessen machen will, welche substantiellen Unterschiede zwischen einzelnen, die sich sehr kritisierenswert äußern, und den tatsächlich vorhandenen Positionen bestehen; wer die Arbeit von Journalisten, Autoren, Fotografen, Schriftstellern, Musikern, Künstlern zum Verlagseigentum erklärt; wer den “Kontrollverlust” der Inhalteproduzenten über ihre Inhalte propagiert, indem er sie bis zur Unkenntlichkeit redigiert und glättet; und wer jene, die sich nicht zu jenen Aspekten des Urheberrechts bekennen, die eigentlich als Verwerterrecht besser beschrieben wären, mit polemischen Mitteln und aggressiver Rhetorik verfolgt – der dient nicht einer Bürgergesellschaft, die auf fairen Geschäftsbedingungen aufbaut.

Aus ökonomischen Gründen unterzeichnet mit: Anonymous